10 Jahre Falko Lüdtke

Am 31. Mai jährt sich der Todestag von Falko Lüdtke zum 10. mal. Er ist nach Amadeu Antonio das zweite Opfer von rechter Gewalt in Eberswalde. Bis heute ist die Tötung von Falko Lüdtke aber nicht annähernd so bekannt, wie die Ermordung von Amadeu Antonio. Selbst weite Teile der engagierten Zivilgesellschaft Eberswaldes, kennt sich mit den Umständen von Falko Lüdtkes Tod nicht aus. Nun will aber die Kameradschaft Märkisch Oder Barnim (KMOB) am 5. Juni einen Aufmarsch gegen „Linke Gewalt“ in Eberswalde durchführen. Ausgerechnet dort, wo Rechtsextreme zwei Todesopfer zu verantworten haben. Neben der Auseinandersetzung mit der Ermordung von Amadeu Antonio gibt es deshalb auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod von Falko Lüdtke. Sie soll zeigen, dass Falko Lüdtke einer politisch motivierten Tat zum Opfer fiel und dass sein Tod aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Punk-Szene bis heute verharmlost wird. Am Montag fand deshalb eine Trauerkundgebung an der Bushaltestelle Spechthausener Straße statt, um der Ermordung Falkos zu gedenken.

Die Tat

Falko Lüdtke starb am 31.05.2000, nachdem er von Mike B., einem ihm bekannten Mitglied der rechtsextremen Szene Eberswaldes, an der Bushaltestelle Spechthausener Straße, vor ein Taxi gestoßen wurde.
Falko sprach B. während einer Fahrt mit dem O-Bus auf seine etwa 8 Zentimeter große Hakenkreuztätowierung am Hinterkopf an und verwickelte B. in eine Diskussion über dessen rechtsextreme Gesinnung. Beide verließen den O-Bus an der Haltestelle Spechthausener Straße. B. lud Falko dann auf ein Bier im Hinterhof des bereits abgerissenen Hauses Nr.5, direkt hinter der Haltestelle, ein, um dort mit ihm weiter zu diskutieren. Als Falko ablehnte kam es zu einem Handgemenge, wobei Falko Lüdtke mit den Rücken zur Straße stand und B. mit den Rücken zu den Häusern. Beide bewegten sich immer mehr in Richtung Straße bis B., Falko so heftig gegen die Brust schlug, dass dieser nach hinten auf die Straße stolperte und von einem Taxi erfasst wurde. Falko Lüdtke starb noch am selben Abend an seinen Verletztungen. Aufgrund dieses Tathergangs wurde B. zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Eine politisch motivierte Straftat

Falko Lüdtke war ein linker Punk. Er hat sich als solcher nicht mit dem Vorhandensein von Rechtsextremen in Eberswalde abgefunden, und sich offensiv gegen die Rechten eingesetzt. Punks gehören quasi zu den natürlichen Feinden der Rechtsextremen, da diese nicht nur zu ihrer Gegnerschaft zählen, sondern auch nicht zum Bild eines ordentlichen Deutschen passen. Die Tötung von Falko Lüdke hatte deshalb einen politischen Hintergrund. Dies wurde sogar gerichtlich festgestellt, denn das Gericht hatte sich nicht nur mit dem Tathergang auseinander gesetzt, sondern auch mit der Frage, ob Falko Lüdtke den Täter unnötig provoziert hatte. Das Gericht stellte fest, dass die „Agitierung“ des Täters keine Provokation sondern Zivilcourage war, denn es handelte sich hier um „berechtigte Vorbehalte“, schließlich trug B. seine Hakenkreuztätowierung offen und war der rechtsextremen Szene zuzuordnen.
Die Tatsache, dass Falko Lüdtke nach einem Akt der Zivilcourage gegen Rechtsextremismus zu Tode gekommen ist spielt bis heute keine Rolle. Falko Lüdtke ist den meisten Eberswaldern bis heute sowieso kaum ein Begriff. Schließlich wurde die Tat von der Eberswalder Öffentlichkeit verharmlost und entpolitisiert. Die Tötung von Falko Lüdtke wurde als Rangelei zwischen zwei gewaltbereiten Randgruppen dargestellt, der politische Gehalt wurde abgestritten.
Die Verharmlosung und Entpolitisierung erlaubt die Verdrängung und gestattet das Ignorieren von Rechtsextremen in Eberswalde und der Region drumherum.

Verharmlosung als Zeichen von latent rechtsextremen Einstellungen in der Bevölkerung

Ähnlich wie bei Dieter Eich, der nur eine Woche vorher von Rechtsextremen in Berlin-Buch ermordet wurde, gehörte Falko Lüdtke zu einer sozial-marginalisierten Randgruppe. Dieter Eich galt als sog. „Alki“, er war ein „arbeitsloser Assi“ ohne Wert für die Mehrheitsgesellschaft. Der rechtsextreme Hintergrund und damit der politische Gehalt seiner Tötung wurde nachhaltig verdrängt. Denn in weiten Teilen der Bevölkerung sind Erwerbslose wie Dieter Eich eben nur „arbeitsfaule Sozialschmarotzer“.
Und Falko war eben „nur ein Punk“. Die Vorbehalte der Rechtsextremen gegen Punks sind ebenfalls bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitet. Punks sind demnach dreckig, sie neigen angeblich zum Alkohol- und Drogenkonsum, sie sind arbeitsscheu und undiszipliniert. Kein vernünftiger Bürger würde mit bunten Haaren und zerrissenen Hosen rumlaufen und so ein „Hottentotten-Krach“ als Musik bezeichnen. Deshalb sind Punks nicht nur für die Nazis, sondern für die meisten Bürgerinnen und Bürger „Zecken“, die die Gesellschaft aussaugen.
Die Rechtsextremen hingegen gelten für viele in der Mitte der Gesellschaft zwar ebenfalls als gewaltbereite Randgruppe „die vielleicht keine Ahnung vom Krieg hat“ sie sind aber im Gegensatz zu den linken Punks wenigstens als „pünktlich, ordentlich und höflich“ angesehen. Sie „würden der Oma einen Platz im Bus freimachen“, wie ordentliche Deutsche eben. Außerdem hätten die Nazis „ja irgendwie Recht“, wenn sie über Ausländer und sog. „Kinderschänder“ reden. Das sind nur einige der Sprüche die man sich in Diskussionen mit Bekannten und Verwandten anhören muss. Das die Tötungen von Dieter Eich und Falko Lüdtke entpolitisiert, verdrängt und verharmlost werden, so dass sie bis heute kaum als rechtsextreme Gewalttaten wahrgenommen werden, ist ein Zeichen für latent rechtsextreme Einstellungen in weiten Teilen der Bevölkerung.
Auch aufgrund dieser Schieflage im öffentlichen Meinungsbild, wird die Bedeutung der Eberswalder Punkszene, sowie das nicht hoch genug einzuschätzende ehrenamtliche Engagement, in und um den Jugendkulturverein Exil, welches durch Angehörige der Eberswalder Punkszene geleistet wird, bis Heute unter den Teppich gekehrt. Vielleicht hat die intensive Auseinandersetzung mit den Tod von Falko Lüdtke zur Folge, dass es eine ehrliche und wahrheitsgemäße Auseinandersetzung mit den Tod von Falko Lüdtke gibt und die Bedeutung der Tat für Eberswalde richtig erfasst wird.

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