Erfahrungsbericht Dresden Nazifrei 2011

Auch im diesem Jahr waren wieder Barnimer in Dresden um den größten Naziaufmarsch Europas zu verhindern. Im Folgenden schildere ich kurz meine Erfahrungen aus diesem Jahr.
Es war noch dunkel, als wir morgens um 5:00 Uhr vom neuen Busbahnhof in Eberswalde, mit Abstechern in Biesenthal und Bernau nach Dresden aufbrachen, um den größten Nazi-Aufmarsch Europas zu blockieren. Die Blockadeaktion war wie im letzten Jahr, akribisch organisiert und bestens geplant. So große Menschenmengen aus fast ganz Europa, so koordiniert und wirkungsvoll an einem Platz zu bringen, nötigt mir erneut Respekt ab. Nicht umsonst wurde Dresden Nazifrei quasi zum Mythos der Bewegung. Nahezu jede lokale Aktion gegen Rechte Aufmärsche bezieht sich heute auf das Dresdner Vorbild, siehe Berlin, Lübeck oder Brandenburg.
Im diesen Jahr hatten wir deshalb einen großen Bus bestellt, der für 49 Personen Plätze bot. Jeder Platz war besetzt und die Stimmung war gut.

Buskonvoi
Buskonvoi nach DresdenGegen 8:00 Uhr sind wir am Sammelplatz für den Buskonvoi, am Rasthof Freienhufener Eck West, kurz vor Dresden angekommen. Bereits hier war die Menge der Gegendemonstranten beeindruckend. Der Rasthof wurde von Tausenden Menschen, die in dutzenden Bussen unterwegs waren, geradezu bestürmt.
Die Logistik und die Organisation der gesamten Aktion war hier ebenfalls enorm beeindruckend: jeder Bus war nummeriert. Es gab eigene Parkplatzeinweiser und Buskoordinatoren, die per Megafon Durchsagen machten. Alle Busse brachen dann gemeinsam nach Dresden auf und bildeten einen kilometerlangen Konvoi, der sich wie eine Schlange die Autobahn entlang schlängelte.
Die Anreise im Konvoi hatte aber auch Tücken, so konnte die gesamte Buskolonne von der Polizei auf einmal gestoppt werden. Die Demonstranten waren gezwungen an der Autobahnabfahrt auszusteigen und in die Dresdner Innenstadt zu wandern.

Blockadepunkt Kaitzer Straße
Unsere „Fingerfarbe“ war Grün-Schwarz. Es war also eine kleine grün-schwarze Fahne, die unsere Gruppe, zusammen mit Tausend anderen Menschen, über Umwege, an den für uns bestimmten Blockadepunkt führen sollte. Eh wir jedoch auf die Blockade gelangten, mussten wir uns ein Katz und Maus Spiel mit der Polizei liefern. Immer wieder riegelte sie unsere Wege ab, wir mussten uns neue suchen und dabei auch mal kurz einen Dauerlauf einlegen.
Schließlich gelangten wir um 11:00 Uhr auf die Kaitzer Straße, in Sichtweite des Hauptbahnhofs. Hier errichteten wir unsere Blockade. Die Polizei unternahm an diesem Blockadepunkt vergleichsweise wenig, trotzdem wurde am Anfang Pfefferspray eingesetzt und Fußtritte verteilt. An anderen Orten ging die Polizei aber schärfer gegen die Gegendemonstranten vor.
Hier standen wir nun mit etwa 1000 anderen Blockierenden. Die Polizei verhielt sich während der Blockade relativ friedlich: bis auf die anfängliche Gewalt, hat sie nichts gegen die Blockade unternommen. Wie im letzten Jahr, passierte nicht viel, es gab wieder Musik und die bereits aus dem letzten Jahr bekannte Trommelgruppe, welche auf aufgeschnittenen Plastikfässern trommelte und mit großen, aus Abfall gebastelten Figuren tanzte. Das offen gesagt wieder recht langweilige Rumstehen in der Kälte, hat sich aber gelohnt, um 17.00 Uhr wurde der Naziaufmarsch abgesagt.

Was hat’s gebracht?
Im Ergebnis haben die Blockaden von fast 20.000 Menschen den geplanten Naziaufmarsch in Dresden verhindert. Rund um den Hauptbahnhof und anderen Orten blockierten die antifaschistischen Demonstranten wichtige Verkehrspunkte. Stundenlang standen, saßen und tanzten sie in der Kälte. Der von der sog. JLO (junge Landsmannschaft Ostdeutschland) geplante Trauermarsch konnte deshalb nicht starten, da die Polizei nicht in der Lage war, die Blockaden zu räumen und den Nazis „sicheres Geleit“ durch die Stadt zu geben.
Das Konzept der Blockade ging also voll auf. Die Aktionen des Bündnisses Dresden Nazifrei haben den Naziaufmarsch wirkungsvoll verhindert, denn wir haben in Dresden keinen einzigen Fascho in unserer Nähe gesehen. Die Demo kann insgesamt als „friedlich“ kategorisiert werden. Es gab diesmal aber mehr Reibereien mit der Polizei und Angriffe von Nazis auf alternative Jugendklubs und ein Kulturzentrum. Trotzdem wurde die Berichterstattung von den Ausschreitungen gewaltbereiter Autonomer dominiert. Diese stellen aber nur ein Bruchteil der Teilnehmer und die Ausschreitungen waren nur ein Bruchteil der gesamten Aktion.
Trotz allem: Sollte es im nächsten Jahr wieder einen Trauermarsch geben werden auch hier wieder Barnimer in Dresden teilnehmen!

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Eine Antwort zu Erfahrungsbericht Dresden Nazifrei 2011

  1. Andi Waffen schreibt:

    Öfter befinde ich mich inmitten größerer Menschenansammlungen.Auf dem Weg zur Uni beispielsweise.Wenn ich mich dann am Bahnsteig auf die S-Bahn wartend sehe habe ich nicht das Gefühl einer großen vitalen Masse anzugehören.Einer Masse die auch nur im entferntesten die Möglichkeit besitzt auf den Einzelnen einzugehen oder zu wirken.Oder das Gefühl einer Einheit schafft.Obwohl uns alle der Weg zur jeweiligen Verwertungsfabrik eint.Es kommt in den seltensten Fällen zu nicht oberflächlischen Gesprächen oder zur gemeinsamen Auseinandersetzung über die uns umgebenden Negativverhältnisse wie der Ignoration unserer Umwelt im Falle von Armut oder allgemeiner gesellschaftlicher Vernachlässigung (Flaschensammler;vereinsamte Menschen).Aber an diesem einen grossen Tag, den 19.02.,an dem wir den neuen Rechten einhalt boten war alles anders.Bereits als wir die Stadt betraten überschüttete man uns mit dem Gefühl der Gemeinsamkeit im Kampf gegen das alte Übel, welches keiner mehr sehen will. Leute kamen auf uns zu und teilten uns ihre Erfahrungen mit, über die Möglichkeit an die jeweiligen Blockadepunkte zu gelangen usw.Denn vielerorts leistete die Polizei eine in diesem Fall als unverschämt zu erachtende gute Arbeit.So erschien die Möglichkeit überhaupt erst über die Elbe zu gelangen erst einmal relativ unwahrscheinlich.Als wir es letztlich doch schafften befanden wir uns plötzlich in einer riesigen Traube von aktiven Menschen, welche sich zum Ziel setzte auf die andere Seite des Hauptbahnhofes zu gelangen wo sich die ewig Gestrigen trafen um ihren geistigen Schrott zu skandieren.Also setzten wir uns in Bewegung und befanden uns plötzlich auf einer schmalen Brücke.Hier standen wir nun erneut der Polizei gegenüber,welche versuchte mittels brachialer Gewalt gegen junge Menschen und beherzte Bürger vorzugehen.Es wurden Knüppel und Pfefferspray eingesetzt.Entgegen meiner Vermutung löste sich die Situation aber dennoch nicht auf.Und so befand ich mich plötzlich in einem riesigen Gerangel.Und statt zu weichen, rückten alle noch näher zusammen um den Durchbruch zu wagen.Ich bekam selbst etwas Pfefferspray ab.Aber statt nun nach hinten zu fliehen blieb ich lieber an Ort und Stelle.Plötzlich wurde ich von allen Seiten gedrückt und geschoben.Von vorne, seitens der Polizei mit hilfe ihrer Knüppel.Und von hinten, seitens der Demonstranten.Mein Brustkorb wurde zusammengedrückt und das Atmen fiehl mir schwer.Aber statt meine Situation nun zu bedauern und Selbstschutzmechanismen zu ergreifen fing ich an nachzudenken.Und woran ich dann dachte verlieh mir ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ich dachte mir, was ich hier gerade erlebe ist ein alter Kampf.Wenn nicht sogar der Älteste im Laufe des Menschendaseins.Es war der Kampf um Gerechtigkeit.Der Kampf gegen das Vergessen von 55 Millionen Toten, der Kampf gegen Leute die so etwas zu rechtfertigen wissen.Der Kampf gegen Menschen die versuchen das Schlechte als etwas Vertretbares zu verkaufen.Und ich hatte das Gefühl gerade von Liebe erdrückt zu werden.Da Liebe ja auch immer als das Gute im Menschen zitiert wird.Und das von uns erdachte Gute als Antrieb innerhalb dieser Situation diente.Ich bin mir natürlich darüber im Klaren, dass ein gewisses Gut-Böse Denken immer subjektiv ist.Und das man diesen Ansatz auch als Schwarz-Weiß Denken bezeichnen kann.Aber geschichtlich, wie auch moralisch spricht die Situation für mich.Und so hoffe ich das man mir diese Scheuklappen für das genannte Beispiel verzeiht.Ich würde mir auch wünschen dieses Gefühl in den Alltag transportieren zu können.Ich will damit sagen, dass Herr und Frau Meier nicht nur im offensichtlichsten Fall, wie dem der Betrachtung eines Nazis, das Gefühl bekommen Schluss zu machen mit dieser schreienden Ungerechtigkeit.Sondern auch im Falle des Sozialverlierers, wo sich der Flaschensammler als offensichtlischer Verlierer des Verwertungssystems (die alte Nazisau) an den öffentlichen Pranger gestellt sieht.In diesem Sinne: Bis nächstes Jahr……..denn bleiben wir realistisch,Sie kommen wieder……aber wir auch!

    Andi Waffen

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