Unvergessen: Eberswalder Widerstand im Nationalsozialismus 70. Todestag von Hans Ammon

Wir vom Jugendbündnis Für Ein Tolerantes Eberswalde schlagen zum 70. Todestag des Eberswalder Widerstandskämpfers Hans Ammon vor, das Gebäude der alten Berufsschule und des zukünftigen Bürgerbildungszentrums in der Puschkinstraße „Hans-Ammon-Haus“ zu nennen.
Die Geschichte des Eberswalder Widerstandes ist in den letzten Jahrzehnten leider etwas in Vergessenheit geraten und muss wieder neu belebt werden.
In ganz Deutschland gab es während der Zeit des Nationalsozialismus mutige Frauen und Männer, die sich nicht mit den unmenschlichen Verhältnissen, dem Krieg, der Diktatur und dem Massenmord an Millionen Menschen abfinden wollten.
Die Erinnerung an Hans Ammon soll zeigen, dass es auch in Eberswalde Menschen gab, die sich nicht mit den herrschenden Verhältnissen zufrieden gaben und die sich gegen eine übergroße Mehrheit stellten und dafür letztlich mit dem Leben bezahlten.
Hans Ammon war so ein Mensch
Er hat trotz mehrmaliger Schikane und Verhaftung zusammen mit seinen Mitstreitern Fritz Pehlmann, Walter Kohn, Otto Kracheel und anderen in Eberswalde, von der Machtergreifung im Jahr 1933, bis zum Verrat der Gruppe im Jahr 1941 gegen die Nazis Widerstand geleistet in dem sie z.B. antifaschistische Flugblätter und Zeitschriften verteilten und Losungen an Hauswänden anbrachten. Nachdem sie im August 1941 verraten und verhaftet wurden, hat man viele Mitglieder der Gruppe in Polizeigefängnissen ermordet oder in Konzentrationslager verbracht.
Natürlich soll hier auch der spätere Umgang mit der Widerstandsgruppe während der DDR-Zeit nicht außer Acht gelassen werden. Denn hierauf lässt sich der Verlust an Bedeutung für die Stadtgeschichte und das langsame Vergessen der Akteure des Eberswalder Widerstands zurückführen. Die DDR Erinnerungskultur und ihre antifaschistische Tradition muss deshalb kritisch hinterfragt werden, die Quellen zum Thema Eberswalder Widerstand müssen heute aufgearbeitet und in einen neutralen und sachlichen Kontext gestellt werden.

Hans Ammon und die Ammon-Pehlmann-Gruppe
Neben Fritz Pehlmann, Otto Kracheel, Walter Kohn und anderen, war der Kernmacher Hans Ammon einer der führenden Figuren des Eberswalder Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.
Hans Ammon wurde am 15. August 1901 als Arbeiterkind in Eberswalde geboren.
Er verbrachte seine Jugendjahre in Eberswalde und absolvierte in den Ardeltwerken eine Ausbildung zum Kernmacher.
Bereits in jungen Jahren engagiere er sich politisch: zuerst in der sozialistischen Arbeiterjugend und in der Gewerkschaft der Metallarbeiter, dann, ab 1921, in der Kommunistischen Partei.
Während der Zeit des Nationalsozialismus war Hans Ammon im Untergrund weiter für den Kommunistischen Widerstand tätig. Die Eberswalder Gruppe wurde als Lesekreis „Gutenberg“ getarnt und konnte so lange Jahre überdauern. Trotzdem gab es mehrere Verhaftungen. Hans Ammon wurde bereits Mitte 1933 von der SA verhaftet und ins Konzentrationslager Oranienburg verschleppt. Zu Weihnachten 1933 kam er aber wieder frei und geriet sofort in die Arbeitslosigkeit. Seine Frau Elisabeth Ammon unterstütze ihn deshalb wo sie konnte.
Erst im Jahr 1935 fand Hans Ammon wieder Arbeit in der Eberswalder Industrie. Dies tat seiner Aktivität im Widerstand gegen die Nazis keinen Abbruch.
Während der gesamten 30er Jahre war er in der sog. Ammon-Pehlmann-Gruppe aktiv. Von den Mitgliedern der Gruppe wurden zahlreiche Flugblätter und die Zeitschrift „Astlochkieker“ hergestellt und in Eberswalde zu verteilt. Weiterhin wurden Gruppen gebildet in denen man den Moskauer Rundfunk abhörte, Zwangsarbeitern half oder für den Kampf gegen die Faschisten in Spanien sammelte. Es wurde auch zur Störung der Rüstungsproduktion in der Eberswalder Rüstungsindustrie aufgerufen.4 Kontakte gab es über den Kunstmaler Fritz Pehlmann in den Berliner Widerstand und in die Widerstandsgruppe „Anton Saefkow“.
Das Technische Verständnis der Eberswalder Arbeiter half ihnen ebenfalls bei der Arbeit: legendär war der Einsatz eines sog „Technischen Koffers“, der zum unauffälligen Druck von antifaschistischen Losungen auf auf Straßen und Wände genutzt wurde.
Trotz zahlreicher Verhaftungen, Schikanen und Misshandlungen durch SA und SS konnte die Gruppe bis 1941 aktiv im Untergrund arbeiten.
Im Jahr 1941 wurde sie dann vom Spion Paul Bogen infiltriert und an die Nazis verraten. 24 Mitglieder der Gruppe wurden daraufhin am 6. August 1941 verhaftet und in das Potsdamer Gestapo-Gefängnis verbracht. Hans Ammon wurde dort durch Misshandlungen, am 11. September 1941 umgebracht, seiner Frau teilte man mit, er sei an einer Nierenbeckenentzündung verstorben. Im Jahr 1949 wurden die sterblichen Überreste Hans Ammons nach Eberswalde überführt und auf den Friedhof in Ostend beigesetzt.

Auseinandersetzung mit dem Widerstand in Eberswalde heute
Der Widerstand in Eberswalde ist in den letzten Jahren leider in Vergessenheit geraten. Bis zur Wende wurde mehr an die Akteure der Ammon-Pehlmann-Gruppe erinnert. Sehr viel mehr Straßen, Plätze und sogar Schulen waren nach den Widerstandskämpfern benannt.

Es waren Kommunisten, die in Eberswalde Widerstand geleistet haben. Die DDR-Führung hat sich in ihrem quasi staatlich verordneten Antifaschismus, allzu sehr auf sie berufen.

Man kann sich also nicht mit den Widerstand in Eberswalde auseinandersetzen, ohne sich kritisch mit der späteren antifaschistische Erinnerungskultur in der DDR und den dortigen Umgang mit dem Widerstand zu beschäftigen.
Gewiss hatte der Ostdeutsche Staat, mit dem aktiven Erinnern an den antifaschistischen Widerstand und der kompromisslosen Verurteilung des Nationalsozialismus, der BRD einiges voraus. Denn in der BRD wurde der Nationalsozialismus, zumindest am Anfang, oft verdrängt und vergessen.
Allerdings wurde der antifaschistischen Widerstand von der Staatsführung in der DDR gerne instrumentalisiert, um ihn für die tagespolitische Auseinandersetzung mit der BRD und deren „neuen Faschismus“ zu nutzen. Der Verweis auf den Antifaschismus half der DDR-Führung, sich gegenüber der BRD als „besseren“ deutschen Staat zu generieren.
Das Gedenken an den Widerstand im Dritten Reich wurde weitestgehend ritualisiert. Es geriet zum Pflichtprogramm ohne wirklichen Anspruch, die Bürger für die Leistungen der Widerstandskämpfer innerlich zu begeistern. Er erstreckte sich zudem hauptsächlich auf die Akteure der KPD, andere Widerstandsbewegungen, beispielsweise aus der Kirche, bleiben weitgehend unbeachtet.
Vor diesem Hintergrund muss man dann die Quellenarbeit zum Widerstand in Eberswalde angehen. Fast alles, was man heute über den Eberswalder Widerstand weiß, wurde zu DDR-Zeiten ausgearbeitet und in einen propagandistischen Kontext verfasst, der als posthumen Erfolg der Widerstands-Gruppe den Aufbau des DDR-Sozialismus in Eberswalde feiert.
Nach dem Ende der DDR schien auch dieser Teil der politischen Kultur obsolet. Die ungeliebten Gedenkveranstaltungen wurden als muffiges Ritual zur Legitimierung des alten, überwundenen Systems abgeschafft. Damit geriet der Widerstand auch in Eberswalde allmählich in Vergessenheit.
Eberswalder Straßen und Plätze, die ihre Namen trugen, wurden Anfang der 90er Jahre sogar wieder rückbenannt.
Heute müssen wir aber wieder mehr die Leistung der Widerstandsgruppe an sich bewerten, unabhängig von späterer Instrumentalisierung und Gedenk-Ritualisierung durch den DDR-Staat.
Widerstand zu leisten, sich nicht mit den herrschenden Verhältnissen abzufinden und unter Lebensgefahr gegen die Unmenschlichkeit des Naziregimes anzukämpfen, stellt nämlich einen besonderen Verdienst dar, den es auch heute noch zu würdigen gilt, egal welchem politischen Ideal sich der Widerstandskämpfer damals verpflichtet fühlte.
Die Geschichte des Eberswalder Widerstandes muss derweil nochmal aufgearbeitet und in einen neutralen und sachlichen Kontext gestellt werden.
Die Benennung des Eberswalder Bürgerbildungszentrums wäre dafür der richtige Anlass.

Quellen:
– „Wir und unser Werk“ VEB Eisengießerei Hans Ammon Britz, erschienen in Eberswalder Heimatkalender 1980 S.30/31
– Benedict Ugarte-Chacon in Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, www.stiftung-bg.de
– Geschichte der Arbeiterbewegung in Eberswalde in „700 Jahre Eberswalde“, 1954, S.45
– Eberswalder Heimatkalender 1979 S.40/41, zusammengestellt von Ludwig Ahrendt und Helmut Knop
– Prof. Dr. Arno Klönne, DDR-Antifaschismus – nur ein Etikett? Ossietzky, 19.08.2007, www.linksnet.de

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Eine Antwort zu Unvergessen: Eberswalder Widerstand im Nationalsozialismus 70. Todestag von Hans Ammon

  1. Friedemann Wehr schreibt:

    Nicht vergessen werden sollte auch Philipp Wehr, der Sohn von Philipp Zopf (Ehrengrab auf dem Eberswaldener Friedhof), der 1933 vor der Gestapo floh. Nach dem Krieg war er Bundestagsabgeordneter von 1952 bis zu seinem Tode 1960 in Bremerhaven

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